Montag, 4. Juni 2012


Am 1. Juni 2012 war die Ausstellungs-Eröffnung im Schloss Bruchsal mit dem Thema "Wo die Prinzessin schläft" Märchen und Mythen.
Es ist eine Gruppenausstellung mit 13 Künstlern aus dem PHOTO.KUNST.RAUM. Hamburg. Dazu habe ich ein kleines Märchen geschrieben und 10 Papierkugeln mit Motiven zu diesem Märchen gearbeitet.
Ausstellungsdauer: 1. Juni - 15. September 2012


Der goldene Ball

E
s war einmal ein wunderschönes Schloss  in einer wunderschönen Landschaft ganz in der Nähe einer großen Stadt. Diese Stadt war reich, weil ein weiser König im Schloss regierte. Der König hatte eine Tochter die nur Flausen im Kopf hatte. Die Königin musste sehr auf die kleine Prinzessin aufpassen.

Diese Prinzessin träumte davon, genau wie ihre Urgroßmutter, eines Tages dem schönsten und klügsten aller Prinzen zu begegnen.
Als ihre Urgroßmutter noch sehr jung war, spielte sie im königlichen Schlossgarten mit ihrem goldenen Ball. Einmal warf sie in ihrem Übermut den Ball so hoch, dass er in den Schlossbrunnen fiel.

Nun saß sie am Brunnenrand und versuchte den Ball herauszuholen, als sie plötzlich ein merkwürdiges Rufen hörte. Es klang wie eine Mischung aus Froschgequake und das Knattern eines Rasenmähers. Sie drehte sich um, sah aber niemanden. Nur ein dicker Frosch saß unter dem Rosenstrauch der am Brunnen wuchs.
Diese Geschichte ist uralt und jeder kennt sie aus seinen Kindertagen.

Unsere Prinzessin hatte eine Idee. Sie erinnerte sich, dass auf dem Schlossboden viele Dinge aufbewahrt wurden die zur Schlossgeschichte gehörten. Da waren auch diese merkwürdigen Kugeln, denen man Zauberkraft nachsagte; und der goldene Ball soll auch dort oben sein.

Eines Tages schlich sich die Prinzessin heimlich auf den Boden. Die alte Bodentreppe knarrte und ächzte unheimlich. Das Türschloss war lange nicht benutzt und ließ sich schwer öffnen. Mit allen ihren Kräften bekam sie es nach einer Weile auf. Vorsichtig öffnete sie die Tür. Der Raum lag im halbdunkel, denn die Scheiben der kleinen Dachfenster waren mit einer dichten Staubschicht bedeckt, so dass das Licht nur schwer hindurchkam.

Es gab Schränke mit goldenen Verzierungen, Sessel mit zerrissenen Samtpolstern, Truhen mit dicken Schlössern und Kisten über Kisten. Es raschelte und knarrte hier und da. Bei jedem Schritt wirbelte sie den Staub auf. Plötzlich hörte sie ein Geflatter und Gezeter. Sie hatte einen großen schwarzen Vogel aufgeschreckt, der durch ein Loch im Dach schimpfend und staubaufwirbelnd verschwand.
Die Prinzessin ließ sich nicht beirren, obwohl ihr Herz bis zum Halse pochte. Mutig ging sie auf die Suche und durchsuchte Kisten und Kästen, Schränke und Regale.
Sie wollte schon aufgeben, als ihr Blick auf eine merkwürdige Hutschachtel ganz hinten in einer Nische fiel.
Trotz der Staubwolke die sie beim herausziehen aufwirbelte, glaubte sie, dass ein magisches Leuchten von der Schachtel ausging. Die Schachtel war aus dickem Leder, das durch das Alter brüchig und stumpf geworden war. Sie versuchte den Staub ein wenig wegzuwischen, und es kam eine in allen Farben schillernde Verzierung zum Vorschein. Geschlossen wurde die Schachtel mit einer goldenen Schleife, die ebenso wie die Hutschachtel durch das Alter gelitten hatte. Beim Öffnen der Schleife glaubte sie eine ganz leise wundersame Melodie zu hören. Das Herz klopfte wie ein wilder Sturm; aber das konnte sie nicht von ihrem Vorhaben abbringen. Beim Anheben des Deckels sah sie, dass dies die gesuchten Kugeln waren. In der Mitte lag der goldene Ball. Er strahlte trotz seiner Beulen und Risse immer noch wie früher und hatte nichts von seiner magischen Schönheit verloren. Sie öffnete die Hutschachtel vollständig.

Die Kugeln sprangen aus der Hutschachtel und fingen zu leuchten an. Auf jeder Kugel war eine Geschichte zu sehen. Es waren die Geschichten vom Schloss und von ihrer Familie. Sie sah wie ihre Urgroßmutter mit der goldenen Kugel unter dem großen Apfelbaum spielte, das Schloss, wie es im großen Krieg zerstört und wieder aufgebaut wurde. Es gab große Feste mit Musik und Tänzerinnen und Tänzern und Gartenfeste mit bunten Lampions. Der Garten war mit wunderschönen blühenden Büschen bepflanzt.
Plötzlich spürte sie wie jemand sie berührte. Es war die alte Schlosskatze Frida, die auf dem Dachboden wohnte.
Ihr Blick fiel auf die Hutschachtel; aber dort lagen die Kugeln noch wie unberührt. Die Prinzessin dachte, „Das war der schönste Traum den ich je hatte.“

Es war spät geworden. Man würde sicher schon nach ihr suchen. Schnell schloss sie die Schachtel und sprang glücklich und leichtfüßig die Treppe hinunter.

Ihr ganzes Leben hat sie sich die Träume bewahrt, die sie glücklich und zufrieden machten.

Silke Günther
Mai 2012








Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen